- Story
Erfolg sichtbar machen: Neue Standards für die Ernährungsberatung bei Reizdarm
26.03.2025 Ein BFH-Forschungsprojekt bringt Betroffene, Fachpersonen und Entscheidungsträger*innen zusammen – für ein standardisiertes Set von Outcomes, das die Qualität und Wirksamkeit der Ernährungsberatung beim Reizdarmsyndrom neu definiert.
Das Wichtigste in Kürze
- Prof. Dr. Sandra Jent leitet die EQ-ERB-Studie zur Wirksamkeit von Ernährungsberatung bei Reizdarmsyndrom und Nahrungsmittelintoleranzen.
- Die Befragung von Betroffenen, Fachpersonen und Entscheidungsträger*innen hat zentrale Bewertungsparameter ermittelt.
- Der nächste Schritt ist der Praxistest und die Entwicklung praxistauglicher Messmethoden.

Gute Ergebnisse sind befriedigend und können die Motivation langfristig aufrechterhalten.
Warum ist es so wichtig, zu messen, ob Ernährungsberatung bei Reizdarmsyndrom und Nahrungsmittelintoleranzen erfolgreich sind?
Viele Menschen mit Reizdarmsyndrom suchen Hilfe in der Ernährungsberatung. Die Wirksamkeit der Interventionen in der praktischen Tätigkeit der Ernährungsberatung zu prüfen, ist nicht nur für Betroffene wichtig, sondern auch für die Ernährungsberater*innen und das Gesundheitssystem. Einerseits definiert das Bundesgesetz über die Krankenversicherung, dass von der Grundversicherung gedeckte Leistungen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein müssen. Nur wenn wir unsere Wirksamkeit messen, können wir sicher sein, dass wir diesen Kriterien gerecht werden. Und auch für uns Ernährungsberater*innen ist es wichtig zu wissen, wie wirksam wir sind. Gute Ergebnisse sind befriedigend und können die Motivation langfristig aufrechterhalten. Zu erkennen, bei welchen Personen die Ernährungsberatung weniger wirksam ist, hilft zudem, gezielte Qualitätsmassnahmen zu ergreifen.
Das Reizdarmsyndrom
Das Reizdarmsyndrom ist eine häufige Störung der Darm-Hirn-Achse, von der etwa 5 bis 10 % der erwachsenen Bevölkerung betroffen sind. Typische Symptome sind Bauchschmerzen, Blähungen sowie Veränderungen des Stuhlgangs wie Durchfall oder Verstopfung. Diese Beschwerden können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, aber sie führen nicht zu ernsthaften Komplikationen. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch Bluttests, Stuhluntersuchungen und Ultraschall des Bauches. In bestimmten Fällen können weitere Untersuchungen wie Magen- oder Darmspiegelungen notwendig sein, um andere Erkrankungen auszuschliessen. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, wobei sowohl medikamentöse, ernährungstherapeutische als auch psychologische Ansätze wie kognitive Verhaltenstherapie zum Einsatz kommen können. Eine Ernährung mit reduziertem Anteil an FODMAPs (bestimmte kurzkettige Kohlenhydrate) kann bei einigen Betroffenen hilfreich sein. (Quelle: Darmzentrum Bern)
Was ist ein Core Outcome Set, und welche Bedeutung hat es für die Praxis?
Ein Core Outcome Set ist ein Konsens darüber, welche Parameter (Outcomes) in der Forschung oder klinischen Praxis mindestens immer gemessen werden sollen. Core Outcome Sets werden vor allem in der Forschung angewendet. Dort hat man festgestellt, dass ähnliche Studien oft sehr unterschiedliche Outcomes erheben, was es schwierig macht, die Ergebnisse z. B. in einer Meta-Analyse zusammenzufassen. Bisher wurden sie in der Ernährungsberatung individuell pro Patient*in festgelegt, was für eine klient*innenzentrierte Beratung zwar sinnvoll ist, aber den Wirksamkeitsnachweis erschwert. Die Idee des Core Outcome Set ist es, dass die Ernährungsberater*innen einige Outcomes immer erheben und diese bei Bedarf mit spezifischen Outcomes ergänzen.

Ihre Studie basiert auf einer Delphi-Befragung. Was genau steckt hinter dieser Methode und warum haben Sie sie gewählt?
Bei einer Delphi-Befragung wird in einer Gruppe ein Konsens zu einem Thema erarbeitet. Verschiedene Anspruchsgruppen sollen ihre Meinung zu verschiedenen Outcomes äussern können, um sich gemeinsam auf die wichtigsten zu einigen. In unserem Fall haben Personen aus verschiedenen Anspruchsgruppen eine lange Liste von Outcomes nach ihrer Wichtigkeit beurteilt. Anschliessend haben wir die Ergebnisse nach Gruppen analysiert. So konnten die Ernährungsberater*innen zum Beispiel direkt sehen, welche Aspekte den Betroffenen besonders wichtig sind – eine wertvolle Erkenntnis für die Praxis.
Die Forschung zeigte zum Beispiel, dass Betroffene die Lebensqualität oft als wichtiger einstufen als Fachpersonen.
Welche Anspruchsgruppen wurden befragt?
Um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten, haben wir vier Gruppen befragt: Menschen mit Reizdarmsyndrom, Ernährungsberater*innen, Gastroenterolog*innen und Entscheidungsträger*innen. In der Forschung werden Outcomes oft nur von Fachleuten definiert – doch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie den tatsächlichen Bedürfnissen der Betroffenen entsprechen. Die Forschung zeigte zum Beispiel, dass Betroffene die Lebensqualität oft als wichtiger einstufen als Fachpersonen.
Besonders spannend waren die Unterschiede in der Bewertung: Menschen mit Reizdarmsyndrom bewerteten insgesamt weniger Outcomes als besonders wichtig als die Fachpersonen. Zudem gab es Outcomes, die in einer Gruppe den Konsens erreicht hätte, nicht aber bei einer oder zwei anderen Gruppen. Ein Beispiel: 73 Prozent der Personen mit Reizdarmsyndrom bewerteten das Outcome «Unberechenbarkeit des eigenen Körpers» als sehr wichtig, in den beiden anderen Gruppen waren es weniger als 50 Prozent. Umgekehrt legten Ernährungsberater*innen grossen Wert auf Faktoren wie «Mahlzeitenzusammensetzung» und «Empfundener Stress», die für die Patient*innen weniger zentral waren.
Zur Person: Prof. Dr. Sandra Jent
Prof. Dr. Sandra Jent ist stellvertretende Leiterin des Bachelor-Studiengangs Ernährung und Diätetik an der Berner Fachhochschule. Sie hat im Januar 2025 ihr Doktoratsstudium an der Universität Zürich abgeschlossen. Sie arbeitet schwerpunktmässig in den Themenbereichen Reizdarmsyndrom, Professionsentwicklung und Beratungskompetenz.

Welche Ergebnisse der Befragung haben euch ausserdem überrascht?
Eines der auffälligsten Ergebnisse war die hohe Zustimmung zu vielen der vorgeschlagenen Outcomes. Bereits nach der ersten Befragungsrunde erreichten oder überschritten 40 von 72 Outcomes in allen Gruppen die vorher definierte Konsensgrenze. Dabei waren die Personen mit Reizdarmsyndrom kritischer als die Fachpersonen. Hätten wir nur Fachpersonen befragt, hätten noch deutlich mehr Outcomes den Konsens erreicht.
Welche Schritte sind nötig, damit das Core Outcome Set tatsächlich in der Praxis angewendet wird?
Im Moment haben wir einen Konsens über 14 Outcomes, die für den Wirksamkeitsnachweis in der Ernährungsberatung wichtig sind. Um ein praxistaugliches Core Outcome Set zu erhalten, sind noch ein paar weitere Schritte nötig:
- Praxistauglichkeit kritisch prüfen:
14 Outcomes sind vermutlich zu viele für den Praxisalltag. Wir müssen prüfen, welche besonders wichtig sind. - Sprachregionen einbeziehen:
Die bisherigen Ergebnisse stammen aus dem deutschsprachigen Raum. Im Rahmenprogramm der Generalversammlung des Schweizerischen Verbandes der Ernährungsberater/innen soll deshalb die Diskussion über besonders wichtige Outcomes mit Ernährungsberater*innen aus allen Sprachregionen geführt werden. - Messmethoden bestimmen:
Einige Ergebnisse lassen sich bereits mit bestehenden Messinstrumenten erfassen, für andere müssen wir erst noch bestehende Messinstrumente testen bzw. neue entwickeln.
Wie können Betroffene und Fachpersonen direkt von den Ergebnissen der Studie profitieren?
Die Betroffenen können vor allem dann direkt von der Studie profitieren, wenn Ernährungsberater*innen die für sie wichtigen Outcomes in der Beratung messen und berücksichtigen. Für die Ernährungsberater*innen haben wir erste Empfehlungen abgeleitet, wie sie das Core Outcome Set bereits jetzt anwenden könnten. Für sie ist es eine Chance, ihre Arbeit messbar zu machen und damit mehr Anerkennung im Gesundheitssystem zu erhalten.
Wie kann dieses Projekt Entscheidungsträger*innen von der Relevanz der Ernährungsberatung bei Reizdarmsyndrom überzeugen?
Entscheidungsträger*innen im Gesundheitswesen werden vor allem dann einen Mehrwert in der Ernährungsberatung sehen, wenn wir datenbasiert aufzeigen können, dass sie für Personen mit Reizdarmsyndrom eine wichtigen Impact hat. Gleichzeitig haben wir aber auch die Rückmeldung bekommen, dass die Entscheidungsträger*innen erfreut sind, dass wir uns dem Wirksamkeitsnachweis annehmen und diesen vorantreiben wollen.
Wenn sich das Core Outcome Set in der klinischen Praxis bewährt, könnten weitere Core Outcome Sets für andere Krankheitsbilder erarbeitet werden.
Welche nächsten Schritte sind nach dem Projektabschluss geplant?
Neben den erwähnten nächsten Schritten wird es wichtig sein, die Anwendbarkeit des Core Outcome Sets in der klinischen Praxis zu überprüfen und durch die Anwendung gewonnene Daten auch zu publizieren. Hierfür könnte die BFH mit verschiedenen Ernährungsberater*innen zusammenarbeiten und zum Beispiel die Analyse der Daten übernehmen. Wenn sich das Core Outcome Set in der klinischen Praxis bewährt, könnten weitere Core Outcome Sets für andere Krankheitsbilder erarbeitet werden.